Eine Formel zeigt: Die Wirtschaft hat einen Konstruktionsfehler

Drei Ökonomen beweisen: Gerechtigkeit ist messbar. Eine Formel könnte das System verändern – wenn die Politik die Spielregeln ändert. 

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine einzige Gleichung, die zeigt, ob eine Wirtschaft gerecht ist. Keine Philosophie, keine Ideologie – reine Mathematik. Eine solche Gleichung existiert. C − W = (r − g) · K lautet sie.

Die Formel der Ungerechtigkeit: Wo das System bricht

Das klingt kryptisch, ist aber einfach: Wenn der Zinssatz (r) höher ist als die Wachstumsrate (g), dann eignen sich die Vermögensbesitzer mehr an, als sie zur Wirtschaft beitragen – auf Kosten der Arbeitenden. Die Differenz r − g ist das exakte Maß für die Ungerechtigkeit im System. Ist sie null, gibt es keine Ausbeutung.

Ein Beispiel: Die deutsche Wirtschaft wächst derzeit um etwa 0,2 Prozent, der Zinssatz liegt bei über drei Prozent. Die Differenz von fast drei Prozentpunkten, angewandt auf den gesamten Kapitalstock – fließt als leistungsloses Einkommen an Vermögensbesitzer. Das ist kein Marktversagen. Es ist ein Konstruktionsfehler. In einer Rezession wird dieser Fehler zur offenen Wunde.

Wenn Gegenpole sich treffen: Die mathematische Allianz von Friedman und Gesell

Drei Ökonomen – Norbert Olah, Thomas Huth und Dirk Löhr – haben in vier Studien gezeigt, dass dieses Gleichgewicht r = g effizient und auch gerecht ist. Beides ist dasselbe. Das wusste im Grunde schon Nobelpreisträger Maurice Allais im Jahr 1947. Was neu ist: ein vollständiges Modell, das erklärt, warum sich dieses Gleichgewicht nicht einstellt und was man dagegen tun kann.

Es gibt zwei Hindernisse. Erstens kann Geld gehortet werden, ohne an Wert zu verlieren. Das hält den Zinssatz künstlich hoch. Zweitens ist Boden nicht vermehrbar. Wer ein Grundstück besitzt, dessen Wert steigt, hat dafür nichts geleistet – die Gemeinschaft hat den Wert geschaffen.

Beide Hindernisse lassen sich beseitigen. Verblüffend dabei ist, dass selbst die konservative Theorie der optimalen Geldmenge von Milton Friedman zum gleichen Ergebnis führt wie die Vorschläge des Reformers Silvio Gesell. Die politischen Gegenpole treffen sich in der Mathematik.

Und was ist mit dem angeblich unvermeidlichen Wachstumszwang? Im Modell verschwindet er. Wenn der Zins der Wachstumsrate folgen darf, ist Nullwachstum stabil. Dieser Zwang entsteht nicht aus der Wirtschaft, sondern aus dem Geldsystem.

Vier Studien, keine mathematischen Fehler, ein Ergebnis: Eine gerechte Wirtschaft ist möglich – wenn wir die Spielregeln ändern. Nicht die Menschen.

Der Autor Andreas Bangemann ist Chefredakteur der Zeitschrift „Humane Wirtschaft“.

 

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