Geldsucht: Warum Geld wie eine Droge wirkt & wie die Fairconomy heilt

Es gibt eine Sucht, die in unserer Gesellschaft nicht nur toleriert, sondern gefeiert wird. Sie schädigt Beziehungen, treibt Menschen in die Kriminalität und zerstört die Ökologie unseres Planeten. Dennoch bekommen die Betroffenen keine Therapie, sondern Titelseiten in Wirtschaftsmagazinen.

Die Rede ist von der Sucht nach Geld.

Früher war dies hauptsächlich als Goldrausch bekannt. Doch der Goldrausch hat im Geldrausch oder in der Sucht nach Geld seinen Ursprung.

Wenn ein Multimillionär hohe Risiken eingeht oder Gesetze bricht, um aus 50 Millionen Euro ganze 70 Millionen zu machen, fragen sich viele: „Warum? Er hat doch schon alles!“

Die Antwort der Wissenschaft lautet: Geld legt im menschlichen Gehirn exakt dieselben Schalter um wie eine chemische Droge.

Um zu verstehen, warum unser Finanzsystem aus den Fugen geraten ist, müssen wir Geldsucht nicht nur ökonomisch, sondern auch neurowissenschaftlich betrachten.

Die Neurowissenschaft der Geldsucht

Dass Geld kein neutrales Tauschmittel ist, belegen nicht nur die Experten der INWO Deutschland, sondern auch zahlreiche interdisziplinäre Studien aus Psychologie, Soziologie und Neuroökonomie.

1. Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen Geld und Kokain

Neurowissenschaftliche Untersuchungen (u. a. von Knutson et al., Stanford University) zeigen: Die Aussicht auf finanziellen Gewinn aktiviert punktgenau den Nucleus accumbens – das zentrale Belohnungszentrum unseres Gehirns.

Dort wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Untersuchungen per funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) belegen, dass das neuronale Aktivierungsmuster bei der Erwartung von Geld verblüffend identisch ist mit den Reaktionen auf Dextroamphetamin, Kokain oder Glücksspiel. Geld ist zwar nur ein abstraktes Symbol, aber unser Gehirn behandelt es wie eine primäre, biologische Belohnung.

2. Die hedonistische Tretmühle (Die Toleranzentwicklung)

Jede Sucht kennt die Notwendigkeit der Dosissteigerung. In der Psychologie spricht man bei Geld von der hedonistischen Tretmühle (Brickman & Campbell). Das Gehirn gewöhnt sich an den erreichten Reichtum; der Dopaminkick lässt nach. Um denselben emotionalen Zustand erneut zu erreichen, reicht das vorhandene Vermögen nicht mehr aus. Ein Manager, der Millionen unterschlägt, tut dies oft nicht aus materieller Not, sondern weil seine neurobiologische Toleranzgrenze so hoch liegt, dass nur noch gigantische Summen überhaupt eine emotionale Relevanz für sein Belohnungssystem erzeugen.

3. Schmerzareale bei Verlust (Die Entzugserscheinungen): Die Angst vor dem Entzug

Geldverlust löst nicht nur Ärger aus – er erzeugt biologischen Stress. Studien zur Neuroökonomie zeigen, dass finanzieller Verlust die Insula (Inselrinde) aktiviert. Das ist genau die Hirnregion, die für das Empfinden von körperlichem Schmerz und Ekel zuständig ist. Die Angst vor Verlust ist bei extrem Vermögenden daher oft stärker als die Freude am Gewinn – ein klassisches Suchtmuster, das zu aggressiven Abwehrhaltungen gegen Umverteilung oder Reformen führt.

4. Die Verrohung der Empathie (Die Wesensveränderung)

Der Sozialpsychologe Paul Piff (UC Berkeley) wies in berühmten Experimenten nach, dass ein steigendes Gefühl von Reichtum das Empathievermögen und das Sozialverhalten verändert. Wohlhabendere Probanden zeigten im Experiment weniger Mitgefühl, hielten sich seltener an Verkehrsregeln und schrieben Erfolge rein ihrem eigenen Verdienst zu – selbst wenn der Vorteil im Spiel rein zufällig zugelost wurde. Geld täuscht dem Gehirn eine absolute Unabhängigkeit von der Gemeinschaft vor. Die Folge ist eine gesellschaftliche Verrohung. Auch der Ökonom Werner Onken beschreibt in seinem 3-bändigen Werk ‚Marktwirtschaft ohne Kapitalismus‘ Übereinstimmungen zu diesen Schlussfolgerungen.

Das Geld - und Finanzsystem als Dealer – Und wie die Fairconomy der INWO als Entzug wirkt

Das Problem unserer heutigen Gesellschaft ist nicht nur die individuelle Anfälligkeit für diese Sucht – das globale Finanzsystem und die Struktur des Geldsystems agieren als ständige Dealer.

Durch den Zins- und Zinseszinsmechanismus sowie die spekulative Natur von Grund und Boden belohnt das System das reine Horten von Geld – Kapital. Während reale Waren schimmeln, rosten und verfallen, vermehrt sich Geld auf dem Bankkonto scheinbar schadlos von selbst. Es lädt dazu ein, dem „Stoff“ (Geld) verfallen zu bleiben. Die Sucht nach dem Stoff Geld lässt seine Besitzer mehr und mehr die Realität ausblenden, wie es auch bei Drogensüchtigen geschieht. 

Hier setzt die Idee der Fairconomy der INWO an. Sie versucht nicht, die menschliche Natur moralisch umzuerziehen, sondern entzieht der Sucht die systemische Grundlage:

Die Geldgebühr: Der Entzug von der Hortungs-Droge

In einer Fairconomy verliert hortbares Geld ohne Gegenleistung langsam an nominellem Wert, wenn es dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird.

Die psychologische Wirkung: Geld verliert seinen Status als unendlicher, unsterblicher „Glücksspeicher“ (auch hier belegt die Glücksforschung, dass Geld irgendwann nicht mehr glücklich macht, ab da greift die Sucht). Es kann nicht mehr als totes Suchtmittel auf Sparkonten geparkt werden, um zinsbedingt immer weiter zu wachsen. Es muss dann (auch ohne Zinsversprechen) weitergegeben werden oder verursacht dem Horter Verluste. Geld wird wieder das, was es ursprünglich war: Ein reines, fließendes Tauschmittel für reale Arbeitsleistungen.

Die Bodenreform: Schluss mit dem Spekulations-Rausch

Indem Grund und Boden durch Modelle wie Erbpacht oder eine reine Bodenwertsteuer der privaten Spekulation entzogen werden, trocknet die Fairconomy das größte Casino der Welt aus. Wenn man mit dem bloßen Besitzen von Raum keine mühelosen Vermögen mehr anhäufen kann, fließen Investitionen automatisch dorthin, wo sie echten gesellschaftlichen Wert schaffen: In Handwerk, Innovation, Bildung und Ökologie.

Heilung durch Re-Sozialisierung

Indem geleistete Arbeit wieder mehr zählt als die bloße Herkunft von Kapital oder Hortung von Geld, sinkt der Druck im Hamsterrad. Wenn die Angst vor dem finanziellen Absturz genommen wird – weil Grundbedürfnisse und die Bezahlbarkeit von Wohnraum gesichert sind –, lässt der „Dopamin-Hunger“ nach Statussymbolen nach. Gesellschaften mit geringerem finanziellem Ungleichgewicht zeigen nachweislich höhere Empathiewerte und bessere mentale Gesundheit.

Zeit für den Entzug!

Sucht beginnt im Kopf, aber die Heilung beginnt mit der Einsicht, dass das Spiel gezinkt ist. Wir müssen aufhören, ein System zu verteidigen, das den Exzess weniger belohnt und die Lebensgrundlagen aller aufs Spiel setzt.

Du willst dieser systemischen Geldsucht entsagen? Dann werde aktiv:

  1. Reflektiere deinen Konsum: Frage dich bei der nächsten Ausgabenentscheidung: Kaufe ich das für meinen echten Bedarf – oder für den kurzen Dopaminkick?

  2. Setze auf die Realwirtschaft: Unterstütze regionales Handwerk, Genossenschaften und nachhaltige Initiativen. Entziehe dein Geld den Spekulationsmärkten.

  3. Mache die Systemfehler sichtbar: Sprich mit Freunden und Kolleginnen darüber, dass Armut und Gier keine rein individuellen Fehler sind, sondern die logische Folge eines kranken Geldsystems.

  4. Werde Teil der Lösung: Informiere dich über das Fairconomy-Modell, unterstütze die Arbeit der INWO und hilf uns, die Regeln des Spiels zu ändern.

Es ist Zeit, dass das Geld wieder dem Menschen dient – und nicht der Mensch dem Geld.

Quellen:

Zur Anti – Suchtzentrale:

Literatur:

Studien:

Neurowissenschaft: Geld im Belohnungszentrum (Brian Knutson et al.)

  • Originalstudie (2001):

    Knutson, B., Adams, C. M., Fong, G. W., & Hommer, D. (2001). „Anticipation of monetary reward selectively recruits nucleus accumbens.“ Journal of Neuroscience.

    🔗 Studie auf PubMed / Journal of Neuroscience

  • Vertiefende Arbeit zur Neuroökonomie:

    Knutson, B., & Bossaerts, P. (2007). „Neural antecedents of financial decisions.“ Journal of Neuroscience.

    🔗 Studie auf PubMed

 

Sozialpsychologie: Reichtum & Empathie (Paul Piff et al.)

Die Reihe von Experimenten an der UC Berkeley untersuchte, wie ein höheres Gefühl von sozialem Status und Reichtum das ethische Verhalten und das Mitgefühl verändert.

  • Zentrale Studie zu Verhalten & Status (2012):

    Piff, P. K., Stancato, D. M., Côté, S., Mendoza-Denton, R., & Keltner, D. (2012). „Higher social class predicts increased unethical behavior.“ PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences).

    🔗 Studie auf PNAS.org

  • TED-Talk von Paul Piff (Verständliche Zusammenfassung):

    Piff, P. (2013). „Does money make you mean?“ (TEDxMarin)

    🔗 Video auf TED.com ansehen

 

Psychologie: Hedonistische Tretmühle (Brickman & Campbell)

Das grundlegende Konzept der Gewöhnung an Wohlstand und Glück wurde 1971 formuliert und 1978 in einer berühmten Vergleichsstudie zwischen Lottogewinnern und querschnittsgelähmten Unfallopfern untermauert.

  • Das theoretische Grundwerk (1971):

    Brickman, P., & Campbell, D. T. (1971). „Hedonic relativism and planning the good society.“ Academic Press.

    🔗 Eintrag in der APA PsycInfo Datenbank

  • Die Lottogewinner-Studie (1978):

    Brickman, P., Coates, D., & Janoff-Bulman, R. (1978). „Lottery winners and accident victims: Is happiness relative?“ Journal of Personality and Social Psychology.

    🔗 Studie auf PubMed / APA PsycNet

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