Soziale Ungerechtigkeit: Nicht der Kapitalismus ist Schuld – sondern die Zinsen!

Oft wird der Kapitalismus beschuldigt, Ursache von Ungerechtigkeit und sozialen Disparitäten zu sein. Das ist so nicht richtig, meint Ökonom Felix Fuders in der Kolumne „Gastwirtschaft“.

Santiago de Chile – Die SPD schlägt vor, Erbschaften stärker zu besteuern. Vor ein paar Monaten hatte Lars Klingbeil auch die Vermögenssteuer wieder zur Diskussion gebracht. Es ist richtig, die Schere zwischen Arm und Reich wächst unaufhörlich.


Aber ist eine Reichen- oder Erbschaftssteuer eine Lösung, oder werden hiermit nicht eher nur Symptome bekämpft? Die Ursache der stetig und vor allem exponentiell wachsenden Ungleichheit ist unser Geldsystem.
Schauen wir uns ein verzinsliches Bankkonto an. Irgendwann wird sich der Betrag auf dem Konto durch Zins- und Zinseszins verdoppelt haben.
Wenn sich etwas regelmäßig verdoppelt, handelt es sich um eine Exponentialfunktion. Die Guthaben wachsen erst sehr langsam, dann aber immer schneller.

Nicht der Kapitalismus ist Schuld: Der große Effekt der Zinsen

Stellen wir uns vor, Jesus hätte ein Cent geerbt und diesen auf ein Bankkonto mit fünf Prozent Jahreszins gelegt. Wie hoch wäre der Betrag auf dem Konto heute? Antwort: circa 400 Billionen, nicht Euro, sondern Planeten Erde aus purem Gold! Da es keinen Zins ohne Schuld gibt, muss die Gesamtverschuldung einer Volkswirtschaft spiegelbildlich mit
den gesamten Vermögen wachsen.
Wie kann das sein, mag man sich fragen? Es gibt offenbar immer weniger, die immer mehr haben, und immer mehr, die immer weniger haben oder sogar verschuldet sind. Nebenbei zwingen die stetig wachsenden Schulden, stetig mehr zu leisten, weshalb wir wirtschaftlich wachsen müssen, wenn wir nicht Wohlstand verlieren möchten.
Dennoch wird die Schuldenlast irgendwann so groß, dass viele ihre Kredite nicht zurückzahlen können, was dann die regelmäßig wiederkehrenden Finanzkrisen verursacht.

Ungerechtigkeit: Ist der Nullzins die Lösung?

Diese Probleme entstehen nicht durch den Kapitalismus an sich. Vielmehr, so erkannte Keynes zu Recht, sind die „vielen anstößigen Formen des Kapitalismus“ durch unser Geldsystem bedingt und könnten beseitigt werden, indem man die „Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals“, also den Zins, auf Null reduziert. Wie dies geschehen könnte, hat uns Keynes nicht gesagt, dafür aber Silvio Gesell vor knapp 100 Jahren in seinem Opus Magnum „Die Natürliche Wirtschaftsordnung“. Ich finde, es ist höchste Zeit, dass die Wirtschaftswissenschaften diese endlich studieren.

Der Autor Felix Fuders ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universidad Austral de Chile.

 

Quellen:

Gastbeitrag: Nicht der Kapitalismus ist an Ungleichheit schuld

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