Was beim ständigen Streben nach Wirtschaftswachstum vergessen wird

Was uns die Geschichte eines Raumfahrers über den Wachstumszwang lehrt. 

Auf seiner dreizehnten Reise verschlägt es Stanisław Lems kosmischen Münchhausen Ijon Tichy auf den Planeten Pinta. Dort steht alles unter Wasser und das Volk bemüht sich, „fischiger“ zu werden, wie es von oben angeordnet wurde. Die Fischwerdung gilt als höchstes Entwicklungsziel. Wer unter Rheumatismus leidet, der größten Plage des Planeten, darf dies keinesfalls als eine Krankheit bezeichnen. Es seien vielmehr Anzeichen ideologisch falschen Widerstandes des Organismus gegen die Fischwerdung.

 

Wenn man diese 1957 erschienene Satire heute liest, kann man nur staunen. Denn auch wir mühen uns in einem Element ab, das uns als das einzig Richtige verkauft wird: dem Wirtschaftswachstum. Senken die Wirtschaftsweisen ihre Prognose für 2026 von 0,9 auf 0,5 Prozent, wie kürzlich geschehen, ertönt es sogleich aus allen Kanälen: Schwäche, Stagnation, kein Aufschwung in Sicht. Stillstand ist Rückschritt. Wir alle sollen fischiger werden.

Lems Flüsteranlagen, die Pintas Bewohnern die richtigen Empfindungen vorsagen, finden bei uns ihre Entsprechung in den Lehrstühlen für Volkswirtschaft, in den Leitartikeln und Talkshows, sowie in den Sonntagsreden der Politik. Sie singen unisono dasselbe Lied: Ohne Wachstum kein Wohlstand. Symptome werden umgedeutet. Erschöpfte Menschen, ausgelaugte Böden und ein kippendes Klima gelten nicht als Krankheit des Systems, sondern als Beweis, dass wir uns noch nicht genug angestrengt haben. Mehr Tempo, mehr Reformen, mehr Konsum. Die Therapie gegen die Folgen des Wachstums lautet stets: noch mehr Wachstum.

 

Wachstumszwang hinterfragt: Was Stanisław Lem uns über unser Wirtschaftssystem lehrt

Bei Lem wird ein Professor zur Zwangsarbeit verurteilt, weil er gewagt hatte zu sagen, dass Wasser zwar lebenswichtig sei, aber in einem anderen Sinne, als es praktiziert wird. Übersetzt heißt das: Wachstum ist nötig, solange ein Land aufbaut, wie ein Kind, das in die Höhe schießt. Doch jeder gesunde Organismus stellt das mengenmäßige Wachsen irgendwann ein und wandelt sich ins Reifen, Differenzieren und Dienen um. Was darüber hinaus weiterwuchert, nennt die Medizin Krebs.

Die Pinter scheiterten nicht an mangelndem Eifer. Sie scheiterten am Ziel selbst. Niemand wird durch Anstrengung zum Fisch. Die Frage ist nicht, wie wir endlich richtig schwimmen lernen. Die Frage ist, ob das Wasser, in dem wir uns abmühen, überhaupt unser Element ist.

Der Autor Andreas Bangemann ist Chefredakteur der Zeitschrift „Humane Wirtschaft“.

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